Kühe 

 

Juni 1983, Trogkofel, Naßfeld
Juni 1983, Trogkofel, Naßfeld

 Nachdem ich meine Jugend weitgehend mt Pferden im Reitstall verbracht hatte, bin ich später immer mehr zum Freund der Kühe geworden. Die lieblichen Schönheiten mit den großen treuen Augen und den von jeder Frau geneideten langen Wimpern zählen ihre Lebensjahre nicht. Weder zählen sie die zurückgelegte Lebenszeit nach, noch ergehen sie sich in Schätzungen zu ihrem irdischen Ende. Höchstens können Weiderinder Jahre mit saftigem Gras von Jahren mit eher Trockengras voneinander unterscheiden. Allerdings kennen sie, anders als ich, nicht viele Abwechslungen in ihrem Leben.

Sei ihr jeweiliges Jahr nun gewesen wie es wolle: Emma, Malwine, Hulane und Genossinnen machten immer dasselbe. Und hier begann mein Studium im Internet. Was war denn immer dasselbe?  Sie fraßen Gras und jagten das Angedaute durch ihre vier insgesamt 230 Liter umfassenden Mägen, die ich mir gut merken kann mit dem Spruch “Peter nimmt's besonders leicht” für Pansen, Netzmagen, Blättermagen, Labmagen. Natürlich fügten meine Boviden dem Gras Wasser und Luft hinzu und produzierten in ihren an spitzen Eckknochen aufgehängten Leibern Milch, Fleisch, Horn, Leder, Biogas sowie trocken- und brennbare Fladen. Das Gras mussten sie vor der Verarbeitung mit ihren nach dem

14.9.1987, Poludnig
14.9.1987, Poludnig, Gailtal

Kochen wohlschmeckenden Zungen umschlingen und dann ausrupfen. Ein wundervolles Geräusch! Da hatte ich jetzt von der dichterischen Freiheit zu ausgiebig Gebrauch gemacht! Natürlich wird das Gras nicht durch die Kuh gejagt. Zuerst kommt es fast unzerkaut in eine gewaltige Gär­kammer, die die ganze linke Bauchhöhle der Kuh ausfüllt. Die Gärkammer kann bis zu 60 kg Futter aufnehmen, ist in einen unteren und einen oberen Sack aufgeteilt und wird Pansen ge­nannt. Der Pansen besitzt keine Drüsen wie sonst Mägen und Gedärme. Viele

14.9.1987, Poludnig
14.9.1987, Poludnig, Gailtal

Milliarden von Bakterien und Einzellern, insgesamt etwa 7 kg, schließen die schwerverdauliche Pflanzenmasse innerhalb von 1 bis 3 Tagen auf und produzieren dabei Säure. Nach dem Abschlucken legt sich die Kuh gemütlich hin. Durch einen Reflex werden von Bakterien angegriffene Pflanzenteile ins Maul zurückbefördert und von den 8 Zähnen des Unterkiefers gegen die Hornplatte des Oberkiefers eingehend gekaut und zerrieben. Dabei wird alles kräftig eingespeich-

14.9.1987, Poludnig, Gailtal
14.9.1987, Poludnig, Gailtal

elt. Eine Kuh produziert am Tag 200 Liter Speichel, der stark alkalisch ist. Dadurch wird die Säure im Pansen neutrali­siert. Kein Wirbeltier kann Zellulose spalten und damit verdaulich machen. Nur Bakterien pro­duzieren ein solches Ferment, die Zellulase. Das Endprodukt des Abbaus von Zellulose ist Es­sigsäure. Sie wird zu einem erheblichen Teil in Milchfett umgebaut. Eine andere Gruppe von Bakterien baut die im Futter enthaltenen Kohlehydrate, Stärke und Zucker, in Propionsäure und Buttersäure um, die der Energieversorgung der Kuh dienen. Ein Großteil des Eiweißes aus der Kuhnahrung wird zu Ammoniak abgebaut.

 

14.9.1987, Poludnig
14.9.1987, Poludnig, Gailtal

Gemeinsam mit den Kohlehydraten ergibt dies die Nahrung für die Bakterien. Sie bauen die für die Kuh lebenswichtigen Aminosäuren in Form von Bakterienmasse auf. Die Kuh ist damit unabhängig von essentiellen Aminosäuren. Der Netzmagen liegt an der Einmündung der Speiseröhre in den Pansen. Er kann das angedaute Futter portionsweise zurück ins Maul zum Wiederkäuen befördern und leitet genügend zerklei­nertes Futter weiter in den Pansen. Ist das Futter lange genug durch Bakterien zersetzt, wie ge­sagt nach 1 bis 3 Tagen, verlässt es schluckweise den Pansen und gelangt durch den Netzmagen in den Blättermagen. Dort werden Wasser, Nährstoffe und Natriumbikarbonat resorbiert. Es werden aber auch noch Futterpartikeln von Kleinlebewesen abgebaut. Schließlich kommt der Labmagen. Er ist der eigentliche Magen, in dem die gleichen Vorgänge ablaufen wie im Men-­

14.9.1987, Poludnig
14.9.1987, Poludnig, Gailtal

schen oder im Schwein. Der ph-Wert wird auf ca. 3,0 in den sauren Bereich abgesenkt. Salz­säure löst die noch vorhandenen Strukturen der Nahrungs-bestandteile. Pepsin besorgt die Resteiweißspaltung. Das Eiweiß stammt von den in der Salzsäure getöteten Bakterien. Die Ver­dauung im Dünndarm läuft so ab wie bei den Nichtwiederkäuern. Eiweißbruchstücke aus dem Labmagen werden zu noch kleineren Teilchen abgebaut und als Aminosäuren resorbiert. Ebenso werden die Kohlehydrate zu Einfachzuckern zerlegt und aufgenommen. Das Fett wird durch Gallensalze emulgiert, in kleinste Tröpfchen zerlegt und ebenfalls über die Darmwand re­sorbiert. Der Dünndarm ist im Normalfall bakterienfrei. Im

14.9.1987, Poludnig
14.9.1987, Poludnig, Gailtal

anschließenden Dickdarm hingegen wimmelt es von Bakterien die, ähnlich wie im Pansen, die Verdauung der noch vorhandenen Nährstoffe vornehmen. Besonders der bei der Kuh mächtig entwickelte Blinddarm ist nochmals eine wirkungsvolle Gärkammer. Durch die weitere Resorption von Wasser und  Elek-

Malwine, 4.5.1989
4. Mai 1989, meine eigene Kuh Malwine (Kloster Fahr), Würenlingen

trolyten wird aus dem Verdauungsbrei nun Kot, der als weltweit geschätzter Fladen wieder auf die Wiese zurückkehrt. Nun sage mir bitte jemand: was soll eine Kuh den ganzen langen Tag über schon erleben. Sie ist doch unermüdlich beschäftigt. Und sie wird vielmehr Zeit benötigen als ihr das Leben zur 

1.9.1993, Kandersteg, Blümlisalp
1. September 1993, Blümlisalp oberhalb Öschinensee, Kandersteg

Verfügung stellt, um je begreifen zu können, welch fantastische Fabrik sie unter ih­rem kaffeebraunen oder schwarz-weiß gefleckten Fell verborgen hat. Dazu kommt, dass sie fast jedes Jahr zum Kalben gezwungen wird, ohne dass ihr der Zeugungsvorgang durch den Koffer­bullen viel Spaß bereiten dürfte. Ich komme damit wieder zum Anfang meiner Überlegungen zurück. Ich strebe nicht mehr danach, es den Kühen generell gleichzutun. Ich möchte nur eines, und das betone ich allerdings schon seit Jahrzehnten immer wieder, ich möchte zeitlos leben wie die Kühe, immer mal wieder abliegen und ruhen. Keinesfalls aber wollte ich immer nur Gras fressen und Wasser saufen.

13.8.1995, Toggenburg
13. August 1995, Toggenburg
13.8.1995, Toggenburg
13. August 1995, Toggenburg
19.7.1996, Toggenburg
19. Juli 1996, unser Freund Hägar im Toggenburg

 

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